Training

Leadership: Dominanz oder Partnerschaft?

Partnerschaft mit dem Pferd

Im Laufe eines Reiterlebens sieht und erlebt man viele Situationen, die einen prägen. Positiv wie negativ. Bilder aus meiner Kindheit sind zum Beispiel traurige und „tote“ Pferdeaugen, Pferde die mit Eisenstangen geschlagen werden weil sie beim Schmied nicht stillhalten wollen, eingeschnürte Pferde die vorne gehalten und hinten getrieben werden und so weiter. Die Liste mit negativen Bildern ist lange und sie lassen mich bis heute nicht los. Von vorneherein war mir bewusst, dass ich mich mit dieser Art der „Partnerschaft mit dem Pferd“ nie wohl fühlen werde.

Die Pferdewelt hat sich im Laufe der Zeit verändert

Da aber vor 30 Jahren die Welt noch anders aussah als heute, wurde ich Freizeitreiter und fühlte mich damit viel wohler als in einer klassischen Reitschule. Klar, die reiterliche Förderung hatte sich damit erledigt, aber ich fühlte mich frei und glücklich und hatte auch das Gefühl, dass die Pferde die ich ritt, glücklicher waren.

Das Glück der Erde, liegt auf dem Rücken der Pferde! Aber meiner Meinung nach nur mit der richtigen Einstellung in der Partnerschaft zum Pferd.
Das Glück der Erde, liegt auf dem Rücken der Pferde! Aber meiner Meinung nach nur mit der richtigen Einstellung in der Partnerschaft mit dem Pferd.

Berufsbedingt legte ich einige Reiterpausen ein. Mein Weg führte aber immer wieder zurück zu den Pferden und ich habe immer versucht, die Pferde die ich ritt, als Partner anzusehen.

Und dann trat Tilly in mein Leben

Erst als Tilly an meine Seite trat, habe ich mich richtig mit dem Thema „Partnerschaft zwischen Pferd und Mensch“ beschäftigt. Bei ihr wollte ich alles richtig machen. Vor allem unter der Berücksichtigung, dass sie als Sportler schon sehr früh Leistung bringen musste und nicht gerade viel Vertrauen in den Menschen setzte.

Also begann ich mich in Fachliteratur einzulesen, sämtliche bekannte Trainer und ihre Methoden unter die Lupe zu nehmen. Ich besuchte Kurse als Zuschauer und beobachtete meine Stallkollegen. Einiges faszinierte mich, anderes versuchte ich sofort wieder auszublenden.

Am Prägendsten in meiner Anfangszeit fand ich meine Stallkollegin in Brandenburg. Sie und ihre zwei Pferde waren so ein harmonische Paar und hatten so viel Spaß! Die Pferde vertrauten ihr und machten einfach so gut wie alles mit. Die Mädels (es sind zwei Stuten) genossen die Ausbildung nach klassischen Grundsätzen und die Besitzerin legt unglaublich viel Wert auf eine solide Ausbildung am Boden. Konsequent aber immer fair ist ihr Motto.

Ich hätte so gerne mehr von ihr gelernt, aber unser Umzug von Brandenburg zurück in die Heimat machte es mir leider nicht möglich.

Tilly im Hänger Tilly's World Einfach! Pferdeliebe.
Ein Traber auf Reisen – von Brandenburg nach Bayern.

Ein Traber auf Reisen

Zurück in meiner Heimat Bayern und dem bekannten Umfeld, habe ich leider den Fehler begangen, eher Trainingstipps von anderen anzunehmen, als auf mein Bauchgefühl zu hören. Ich solle dominanter gegenüber Tilly sein. Also versuchten wir die Join-Up-Methode von Monty Roberts bzw. führte sie meine damalige Stallbesitzerin durch und ich sah zu.

Jetzt muss ich dazu sagen, dass mein Stütchen Hochleistungssportler und sehr misstrauend gegenüber dem Menschen war. Hätte ich damals die Trainingseinheit nicht unterbrochen, wäre sie wahrscheinlich Stunden so weitergelaufen und irgendwann zusammen gebrochen. Nach dieser „Trainingseinheit“ habe ich satte 2 Wochen gebraucht, bis ich das dahin gewonnene kleinste Vertrauen von ihr in mich zurück hatte. Somit war für mich klar, dass die Methode bestimmt funktioniert, aber eben nicht bei uns.

Die gemeinsamen Pfeiler unserer Zusammenarbeit

Irgendwann, nach vielen weiteren Versuchen verschiedener Methoden, habe ich beschlossen, dass ich mein Pferd nicht dominieren möchte. Ich wollte eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Den Satz „sei du als Mensch die Leitstute“ fand ich schon immer doof – ich sehe anders aus, rieche anders und kommuniziere auch anders als ein Pferd – wie soll Tilly mich da als Leitstute akzeptieren? Nein, ein anderer Weg musste her. Also habe ich mich einfach auf mein Bauchgefühl verlassen und mit einem anderen Trainingsansatz begonnen und seitdem begleiten mich diese 4 Pfeiler:

  • Fairness
  • Liebevolle Konsequenz
  • Partnerschaft
  • Gegenseitiges Vertrauen
IMG 20200303 WA0011 e1587027212246 Tilly's World Einfach! Pferdeliebe.
Gegenseitiges Vertrauen ist meiner Meinung nach die Basis des gemeinsamen Weges.

Damit ihr mich nicht falsch versteht, möchte ich euch gerne die 4 Pfeiler aus meiner Sicht kurz erläutern:

1. Fairness: Fair gegenüber dem Pferd zu sein bedeutet für mich, die Grenzen zu akzeptieren und nur das zu fordern, was dem Pferd gerade möglich ist, zu geben. Egal ob im Training oder im täglichen Umgang und hat auch somit mit Respekt meinem Gegenüber zu tun. Ich bestrafe sie nicht, wenn sie etwas nicht sofort versteht oder umsetzen kann, sondern suche einen anderen Weg, wie ich ihr verständlich machen kann, was ich von ihr möchte.

2. Liebevolle Konsequenz: Fällt es meinem Pferd gerade schwer, etwas umzusetzen oder versteht nicht genau, was ich von ihr erwarte und bietet sie mir dafür etwas anderes an, versuche ich trotzdem in kleinen Schritten das abzurufen, was ich eigentlich wollte. Dabei wird jeder noch so kleine Schritt in die richtige Richtung sofort gelobt.

„Falsches“ Verhalten ignoriere ich einfach. Somit besteht meine Konsequenz darin, immer wieder das abzurufen, was ich eigentlich wollte, aber liebevoll und ohne zu viel Druck. Es darf aber natürlich auch eine klare Grenze und ein eindeutiges „Nein“ im Umgang geben.

Zum Beispiel dulde ich kein Beißen, Schnappen, Steigen oder hinten austreten wenn Menschen oder andere Tiere (Hunde, Katzen etc.) betroffen sind. Da ist die Grenze zum klaren „Nein“ gegeben.

3. Partnerschaft: Unter Partnerschaft zwischen Mensch und Pferd verstehe ich gegenseitiges Vertrauen, ein liebevoller Umgang untereinander, Respekt gegenüber deinem Partner – einfach ein harmonisches Miteinander. Jedes Pferd hat bei mir ein Mitspracherecht, egal ob im Training oder im täglichen Umgang.

Es gibt Tage, da möchte ich Tilly von der Koppel holen und sie dreht mir den Rücken zu oder geht sogar weg, dann weiß ich, es ist Zeit für mindestens einen Tag Pause. Unsere Tage sind ja auch nicht alle gleich und vielleicht liegt es an dem Tag auch an mir, weil ich im Kopf einfach nicht frei bin und mir Sorgen über irgendwas mache. Pferde spüren das und dann macht das Training sowieso keinen Spaß. Oder wir trainieren etwas und sie versteht nicht was ich von ihr möchte.

Als Alternative bietet sie mir dann den Spanischen Schritt oder einen anderen Trick an den sie kann. Dann weiß ich genau, dass ich entweder in meiner Aussage, was ich möchte, klarer werden muss oder gar einen anderen Weg suchen sollte, wie ich ihr die neue Aufgabe beibringen kann.

4. Gegenseitiges Vertrauen: ist für mich die Basis und der Grundstein, auf welcher der gemeinsame Weg aufgebaut werden sollte. Stell dir vor dein Pferd vertraut dir nicht und springt bei jedem kleinen Rascheln sofort weg (Fluchttier!) oder ihr begegnet einem furchterregenden Objekt im Gelände und dein Pferd tritt einfach den Heimweg an? Solche Situationen können für alle Beteiligten sehr gefährlich werden und müssen auch nicht sein. Jeder Pferdebesitzer sollte mit seinem Pferd Vertrauensarbeit am Boden beginnen. Je länger ihr euch kennt und je mehr Herausforderungen ihr gemeinsam meistert, desto inniger wird euer Band werden!

Pferd und Mensch als Paar Tilly's World Einfach! Pferdeliebe.
Eine innige Beziehung zu seinem Pferd wünscht sich sicherlich jeder Reiter und ist mit Geduld und Liebe erreichbar.

Höre auf dein Bauchgefühl

Ehrlich gesagt, hätte ich mir vor knapp 4 Jahren, als Tilly in mein Leben trat, niemals vorstellen können, dass ich jemals eine richtig innige Beziehung zu meinem Pferd haben könnte. Ich habe aber auch nie geglaubt, dass ich jemals so viel Geduld aufbringen könnte ;-).

Aber ich habe bisher nie bereut, Tilly gekauft zu haben und soviel Zeit, Energie, Geduld und Schweiß in unserem gemeinsamen Weg zu investieren. Natürlich haben wir reiterlich noch Einiges aufzuarbeiten, aber für mich ist jeder Tag an der Seite meines Pferdes eine Bereicherung und macht aus mir einen besseren und geduldigeren Menschen!

Mein Tipp an dich ist, dass du dir im Umgang mit deinem Pferd immer treu bleibt. Lasse dich nicht von anderen Personen verunsichern und höre auf dein „Bauchgefühl“.

„Das Pferd ist dein Spiegel. Es schmeichelt dir nie. Es spiegelt dein Temperament. Es spiegelt auch deine Schwankungen.

Ärgere dich nie über dein Pferd; du könntest dich ebensowohl über deinen Spiegel ärgern.“

(Rudolph G. Binding)