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Angst vorm Pferd

Wenn die Angst vor dem eigenen Pferd zuschlägt

Vielleicht kennst du das auch? Ein Zwischenfall mit deinem oder einem anderen Pferd verursacht langsam schleichend oder sogar prompt, dass du Angst vor deinem Pferd hast. Oder sogar Angst vor Pferden generell.

Mir ist das leider Ende letzten Jahres passiert. Obwohl ich schon seit über 30 Jahren Pferdeerfahrung habe, hat eine kleine Unachtsamkeit meinerseits mein Grundvertrauen in Pferde erschüttert. Aber dazu gleich mehr.

Die Gutmütigkeit der Pferde

Ich habe Pferde immer als sehr gutmütige, liebevolle, zutrauliche und sanftmütige Zeitgenossen erlebt. Klar tauchen während des Lebens mit Pferden immer mal wieder welche auf, die einfach „schwierig“ waren. Trotzdem bin ich immer der Meinung, dass schwierige Pferde durch den falschen Umgang durch den Menschen entstehen.

Die Augen des Pferdes sind das Fenster zu seiner Seele.

Die Augen des Pferdes sind das Fenster zu seiner Seele – schaut man in sie hinein, wird man schnell feststellen, wer mit seinem Pferd einen wirklichen Dialog zulässt und wer zwar die Meinung des Pferdes anhört, sie aber um jeden Preis umzukrempeln versucht.

Sonja Burgemeister

Grundvertrauen in das Pferd

Seit jeher habe ich in alle Pferde ein fast unerschütterliches Grundvertrauen. Ich bin der Meinung, dass wir, wenn wir dem Wesen „Pferd“ Respekt und Vertrauen erweisen, diese auch zurück erhalten.

Ja, es sind nicht alle Pferde gleich. Viele Pferde haben schon viel Schlechtes durch den Menschen erfahren müssen und der Umgang mit ihnen macht uns das Leben manchmal nicht leicht. Wir sollten auch nie vergessen, dass wir es mit einem Fluchttier an unserer Seite zu tun haben.

Dennoch habe ich mein Grundvertrauen in das Lebewesen Pferd nie verloren. Bis der 3. Oktober 2019 kam. Dieser Tag hat mein Leben verändert.

Ein Unfall erschüttert mich in meiner Grundeinstellung

Soweit ich mich erinnern kann, war der 03. Oktober ein bewölkter Herbsttag. Ich hatte mit einer Stallkollegin einen Spaziergang mit unseren Pferden vereinbart. Als wir uns im Stall trafen, dachte ich kurz darüber nach, den Plan zu ändern und lieber Bodenarbeit zu machen. Nach langem Bitten der besagten Stallkollegin, habe ich mich doch zu einer kurzen Runde überreden lassen.

Also haben wir die Pferde geputzt und sind los marschiert. Jetzt muss ich vorab erwähnen, dass das zweite Pferd nicht ganz einfach ist. Sie hat wohl ein paar schlechte Erfahrungen in ihrem Pferdeleben gemacht und kann die Sprache anderer Pferde nicht richtig lesen. Dadurch ist sie sehr unsicher und reagiert dementsprechend schnell kopflos.

Genau deswegen habe ich sehr großen Respekt vor der Stute und halte viel mehr Abstand, als bei anderen Pferden.

Da Tilly einen sehr dynamischen Schritt hat, gehen wir meistens vorneweg. So auch an diesem Tag. Dann meinte aber meine Stallkollegin, ob sie mit ihrer Stute das vorneweg gehen üben könnte, da dass ihre Stute das nicht so gerne macht. Also habe ich sie vorgelassen – mit entsprechend großem Abstand.

Gemeinsame Spaziergänge steht seit Beginn an auf unserem Trainingsplan. Zu zweit oder auch in größeren Gruppen.
Gemeinsame Spaziergänge stehen seit Beginn an auf unserem Trainingsplan. Zu zweit oder auch in größeren Gruppen.

Wir hatten uns auf eine Strecke geeinigt, welche einen Flurbereinigungsweg enthielt, bevor es in den Wald geht. Entlang dieses Weges gibt es viele Felder und natürlich dementsprechend Gras. Da die Weidesaison schon vorbei war, hatte ich ziemlich gut zu tun, um Tilly davon abzuhalten, ständig den Kopf ins Gras zu stecken.

Ich kann dir ehrlich nicht mehr sagen, wie es passiert ist. Meine Erinnerung hört damit auf, dass ich noch mit Tilly geschimpft habe, weil sie ständig versucht hat, Gras zu ergattern (es gibt so Tage, an denen man das Gefühl hat, dass die ganze Grundausbildung nichts bringt). Dann habe ich wieder nach vorne geschaut um eigentlich nachzusehen, wie es bei meiner Stallkollegin mit dem vorwärts gehen läuft.

Hinterhuf tritt Mensch

Das vorneweg gehen, lief anscheinend nicht so toll, denn die Stute ist während meiner Schimpftirade mit Tilly stehen geblieben. Tilly und ich sind aber weiter gelaufen. Gerade in dem Moment wo ich wieder nach vorne geschaut habe, sah ich auch schon einen Hinterhuf auf mich zufliegen. Dieser hat mich leider nicht verfehlt, sondern mich direkt im Gesicht getroffen. Wir sind der Stute anscheinend zu nahe gekommen.

Im ersten Moment war ich total perplex. Ich habe nur ein Krachen gehört und dachte mir „na, der Kiefer ist jetzt gebrochen“. Dann habe ich ganz intuitiv nachgeschaut, wo mein Pferd ist. Tilly stand ein paar Meter weiter weg und hatte den Kopf im Gras. Mein Bodenarbeitsseil hatte ich noch in der Hand.

Dann kam der Schmerz. Blut lief mir in Strömen über das Gesicht und tropfte auf meine Jacke und meine Schuhe. Meine Stallkollegin war total geschockt und wusste gar nicht, was sie jetzt machen sollte. Also habe ich ihr noch gesagt, dass sie bitte im Stall anrufen soll und meinen Freund (er war zum Glück im Stall um Nüsse vom Walnussbaum zu sammeln) im Auto los zu schicken um mich abzuholen.

Das mein Pferd auch noch irgendwie heim kommen muss – an das habe ich gar nicht mehr gedacht! Mir war aber klar, dass ich so die 1,5 km nicht wieder zurück in den Stall schaffe.

Mir wurde dann urplötzlich etwas schlecht und ich habe mich dann einfach auf den Boden gesetzt. Blutend und zitternd saß ich da und habe auf mein Taxi gewartet. Tilly hat ganz genüsslich weiter gegrast.

Nach einer gefühlten halben Stunde – tatsächlich waren es keine 10 Minuten – kam mein Freund angerast. Er hatte zum Glück noch eine Stallkollegin dabei, die mir sofort Tilly abnahm. Ich weiß noch, dass ich ihr noch Instruktionen gegeben habe. Sie solle Tilly bitte noch die Hufschuhe ausziehen und Mash als Abendessen fertig machen. Klar: Horse first – egal wie es dem Besitzer geht. 😉

Anhand des Gesichtsausdrucks meines Freundes als er mich sah, musste ich fürchterlich aussehen. Er gab mir noch schnell einige Taschentücher, damit ich das Auto nicht mit Blut vollsauen konnte und los ging die Fahrt in Richtung Notaufnahme.

Ab in die Notaufnahme

Nach eingehender Untersuchung und Röntgen war das Ergebnis, dass ich zum Glück keinen Bruch hatte. Die Stute hatte mich anscheinend nur gestriffen und mir so blaue Augen und einige Schürfwunden im Gesicht verpasst. Da sie beschlagen war, haben mir ihre Nägel noch kleine Platzwunden verpassst, die geklebt werden konnten.

Das größere Problem war meine rechte Hand. Diese habe ich mir anscheinend zur Abwehr vor das Gesicht gehalten. Durch den Aufprall mit dem Hinterhuf, hatte ich mir den Daumen umgebogen. Die Hand war so geschwollen, dass ich sie gar nicht mehr bewegen konnte. Das fiel mir aber erst im Krankenhaus auf.

Pferdehuf trifft Gesicht: nach dem Unfall ging es mir nicht gut und ich hatte Angst vor meinem Pferd
Das war mein „Ausgehoutfit“ nach dem Unfall.

Alles in allem hatte ich mehr Glück als Verstand.

Meine Psyche nach dem Unfall

Die ersten Tage nach dem Unfall waren für mich die Hölle. Mal abgesehen von den Schmerzen konnte ich nur Flüssignahrung zu mir nehmen. Trinken ging nur mit Strohhalm. Die rechte Hand konnte ich überhaupt nicht nutzen.

Ohne meinen Freund, der mich fürsorglich umsorgt hat, wäre ich überhaupt nicht klar gekommen. Alltägliche Dinge wie Hose auf- und zuknöpfen, Reißverschluss öffnen oder Anziehen generell, war alleine einfach nicht möglich.

Abgesehen davon habe ich die ersten 4 Tage nur geweint. Ich habe mich in einem Spiegel gesehen und schon flossen Tränen. Es hat irgendwas nicht geklappt: Überschwemmungsgefahr. Jemand hat mich mittleidig angesehen: schwupp waren die Tränen wieder da. Mein „Fell“ war in dieser Zeit wirklich nicht dick beziehungsweise nicht vorhanden.

Dennoch bat ich meinen Freund gleich am nächsten Tag, nach dem Arztbesuch, mich zu Tilly zu fahren. Eine weitere Stallkollegin hat sich die erste Zeit zwar rührend um Tilly gekümmert und sie versorgt, aber ich wollte trotzdem zu meinem Pferd.

Mein Pferd wollte meine Nähe nicht mehr

Gesagt, getan. Wir sind nach dem Arztbesuch in den Stall gefahren. Die mitleidvollen Blicke meiner Stallkollegen brauche ich, glaube ich, nicht zu erwähnen. Ich bin gleich in Richtung Tagespaddock zu Tilly gelaufen. Türe auf und rein. Wie immer habe ich sie gerufen. Sie hat kurz ihren Kopf gehoben, aber gleich weiter Heu gefressen. Hm, eher untypisch, aber so Tage gibt es.

Also bin ich in ihre Richtung gegangen und dann geschah etwas, was wir seit über 3,5 Jahren nicht mehr hatten: sie lief vor mir weg!

Ich stand da wie versteinert! Trotz meiner verzweifelten versuche, sie zu mir einzuladen, lief sie immer weiter weg. Kopfschüttelnd, damit ich verstehe, dass ihr das gerade so gar nicht passt.

Pferde schenken einen in schlechten Zeiten Trost.
In schlechten Zeiten suche ich Trost bei Tilly.

Den Tränen nahe, verstand ich überhaupt nicht, warum Tilly mich nicht in ihrer Nähe wollte. Ich hätte ihre tröstende Nähe so dringend gebraucht!

Ich war so traurig, das ich meinen Freund bat wieder heim zu fahren.

Der nächste Tag – ein neuer Versuch

Am nächsten Tag habe ich nochmal einen Versuch gestartet. Die Reaktion von Tilly war dieselbe wie tags zuvor. Auch bei beiden darauf folgenden Tagen reagierte sie immer mit weglaufen, wenn ich zu ihr wollte.

Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr mich ihre Reaktion geschmerzt hat. Die körperlichen Schmerzen waren da absolute Nebensache.

Erst an Tag 5 haben wir die ersten Annäherungsversuche geschafft. Tilly kam wirklich auf mich zu, beschnupperte mich kurz und blieb dann bei mir stehen.

Und dann war sie da: die Angst

Als wir so da standen, fiel mir auf, dass meine Atmung sehr flach war und mein Herz wie wild zu schlagen anfing. Und da viel es mir wie Schuppen vor den Augen: ich hatte Angst! Als dann noch ein zweites Pferd zu uns kam, trat sogar etwas Panik auf und ich verlies ganz schnell das Paddock.

Jetzt verstand ich auch, warum mich Tilly die Tage davor nicht an sich ran lies. Sie spürte meine Angst!

Während der nächsten Tage, versuchte ich wieder etwas Normalität in meinen Alltag und dem Umgang mit Tilly zu bringen. Aber sogar beim Putzen bin ich jedesmal zusammen gezuckt, wenn Tilly nur mit dem Schweif eine Fliege weg geschlagen hat. Hufe auskratzen lies ich meine Stallkolleginnen machen und um die Hinterhand bin ich mit einem riesen großen Bogen gegangen.

Die anderen Pferde im Stall habe ich total gemieden. Obwohl ich wusste, dass ich meinem Pferd zu 100% vertrauen konnte und sie mir nie irgendetwas antun würde, war es ein langer Weg zurück zur Normalität.

Der Weg zurück zur Normalität

Für unser erstes gemeinsames Training nach dem Unfall hatte ich mir Freiarbeit ausgesucht, denn ich konnte meine rechte Hand immer noch nicht nutzen. Die erste halbe Stunde war fürchterlich. Tilly lief nur weg. Sie kam zwar immer wieder zurück, aber sobald ich etwas abgefragt habe, lief sie wieder davon. Ich konnte sie gut verstehen, denn ich habe mich wirklich in ihrer Nähe nicht so wohl gefühlt und das hat sie gespürt.

Erst zum Schluss gingen wir nebeneinander ein paar Schrittrunden. Danach haben wir aufgehört.

So ähnlich verliefen die Tage danach auch. Wir versuchten uns gegenseitig wieder anzunähern. Den Schlüssel zum Erfolg hat mir Tilly geschenkt. Wir hatten in der Halle wieder Freiarbeit gemacht. Tilly ging wieder ihren eigenen Weg. Also habe ich mich ganz klein gemacht, bin in die Hocke gegangen und habe darauf gewartet, das Tilly zu mir kommt.

Pferde tragen eine unglaubliche Weisheit in sich.
Den Schlüssel zum Erfolg hat mir mein wundervolles Stütchen geschenkt!

Nach gefühlten 10 Minuten kam sie dann auch ganz langsam auf mich zu. Sie blieb vor mir stehen, senkte ihren Kopf und legte ihre Nase auf meine Stirn. In dem Moment hatte ich das Gefühl, sie möchte mir mitteilen, dass alles gut ist. Und genau dieser Moment hat den Knoten bei mir platzen lassen. Sie schenkte mir ihr Vertrauen zurück.

Ab diesem Moment lief es Tag für Tag wieder besser zwischen uns. Vor den anderen Pferden hatte ich zwar immer noch richtig Angst, aber bei Tilly legte ich diese Reaktion langsam wieder ab.

Die Angst bleibt

Erst nachdem mein Gesicht wieder halbwegs normal aussah und ich mich in Tillys Nähe wieder wohl fühlte, fing ich an, mich den anderen Pferden zu nähern. Immer nur kurz und von vorne – nie von hinten! Hinterhände meide ich bis heute mit einem weiten Bogen.

Nach 6 Wochen betrat ich zum ersten mal ein anderes Paddock. Ich muss ehrlich gestehen, dass die äußeren Wunden, welche durch den Unfall entstanden sind, für mich schlimm waren, aber am aller schlimmsten war die Tatsache, dass ich mein unerschütterliches Grundvertrauen in das Lebewesen Pferd verloren habe.

Ich bin heute noch vorsichtiger als vor dem Unfall und lange nicht mehr so „ungezwungen“ im Umgang mit Pferden. Dabei wünsche ich mir nichts sehnlicher, als den Zustand „davor“ zu erlangen. Aber das wird sicherlich noch ein langer Weg werden.

Lesetipp

Einen Lesetipp zum Thema Angst bei Pferden möchte ich dir hier mit auf den Weg geben. Petra von der Pferdeflüsterei hat in Zusammenarbeit mit Herdis Hiller eine 10-teilige Serie zum Thema Pferdeverhalten und den Umgang mit ängstlichen Pferden geschrieben.

Er ist wirklich unglaublich lesenswert, daher verlinke ich ihn dir hier!

Und auch bei Kultreiter findest du einen tollen Beitrag zum Thema „Angst vor dem Pferd“ und wie du damit umgehen kannst.